Nepal

Als ich mit dem Team am 07.04.2000 nach Nepal aufbrach, war es eine Reise ins Ungewisse. Aber eines stand bereits damals fest: Es würde kein Urlaub werden, wie bei vielen Trekkingreisenden, die mit im Flugzeug saßen und Kathmandu als Ausgangspunkt für ihre Expedition ins Himalaya- oder Annapurnagebiet betrachteten. Vielmehr hatte es sich Africa – Luz Deutschland zur Aufgabe gemacht, innerhalb von zwei Wochen möglichst vielen nahezu blinden Menschen die Sehkraft zurückzugeben.

Mittlerweile ist unser Team mit PROF. DR. DIETER DAUSCH, DR. AXEL FEHN, BARBARA UND REINHOLD BIRNER UND MIR am 22. April 2000 gesund und wohlauf aus Kathmandu zurück gekehrt. Die Tage in Nepal haben Spuren hinterlassen. Das Elend ist unbeschreiblich, die Uhren in Nepal gehen eben anders.

100 KATARAKTOPERATIONEN (GRAUER STAR), die ersten in diesem Krankenhaus überhaupt, wurden in zwei Wochen in der „CHHATRAPATI FREE CLINIC“ IN KATHMANDU urchgeführt, außerdem Fremdkörper aus Augen entfernt, Entzündungen behandelt, Sprechstunden abgehalten.

Operationsgeräte, Medikamente, Verbandsmaterial, eben alles, was nötig ist, um operieren zu können, wurden aus Deutschland mitgebracht. Die FLUGGESELLSCHAFT CONDOR zeigte sich bei der Abfertigung des Gepäcks – es waren 25 Gepäckstücke – sehr entgegenkommend.

In Nepal bei der Ein- und Ausreise gab es keine Probleme. Lediglich das Wetter spielte uns einen Streich. Es herrschte dichter Nebel, teils durch Smog bedingt, der wie eine Glocke über Kathmandu hängt. So kreiste unsere Maschine zweieinhalb Stunden über der Hauptstadt von Nepal, bevor sie die Erlaubnis zur Landung erhielt. Um so beeindruckender war der Empfang am Flughafen in Kathmandu durch den Leiter der Klinik, Herrn Bijaya Mali, der für jeden von uns einen bunten Blumenkranz mitgebracht hatte. Transparente über den Straßen und an der Klinikfront verwiesen auf das kostenlose Operationsangebot von Africa-Luz Deutschland.

Im Krankenhaus selbst deutete außer einem alten Zahnarztstuhl nichts auf eine Operationsausstattung hin. So war unser Einfallsreichtum gefragt, um entsprechende Voraussetzungen zu schaffen. Die Verhältnisse dort ließen sich nicht mit Deutschland vergleichen.

Prof. Dr. med. Dieter Dausch und Dr. Axel Fehn operierten auch bei Stromausfall mit Handlampe. Barbara Birner, unsere Geschäftsführerin, fungierte als Operationsschwester, Reinhold Birner war zuständig für alle technischen Schwierigkeiten und außerdem unser Kameramann. Meine Aufgabe war es, die Operationsvorbereitung und die Nachsorge zu übernehmen. Die hygienischen Verhältnisse spotteten jeder Beschreibung. Trotzdem wurde so steril wie möglich operiert. Meist begann so ein Arbeitstag in der Klinik gegen 8.00 Uhr und endete um 21.30 Uhr – auch am Sonntag und am Neujahrstag, dem 13.04. 2000 in Nepal, an dem das Jahr 2057 begann.

Es blieb wenig Zeit, das Land, die Natur und die reichen Kulturschätze kennenzulernen. Die menschlichen Kontakte zu den Bewohnern Nepals, den „kleinen Leuten“, waren um so bereichernder. Acht bis neun Stunden Weg nahmen viele gerne in Kauf, um eventuell die Chance für eine Operation zu erhalten. Menschen jeden Alters warteten Tag für Tag in einer langen Schlange geduldig lächelnd vor der Klinik. Konnten sie am selben Tag nicht behandelt werden, kamen sie ohne Murren am nächsten Tag wieder. Ihren Dank zeigten sie, als sie zur Nachsorge kamen mit einem überschwenglichen „NAMASTE“, dem Gruß der Nepalesen, der sowohl „Grüß Gott“, „Auf Wiedersehen“, aber auch „Dankeschön“ bedeutet. Eine herzliche Verbindung war entstanden. Da kommt es schon mal vor, daß ein altes Mütterchen, vom Dankgefühl überwältigt, jemanden aus dem Team die Fingerspitzen küßt. In Deutschland, einem Land, wo medizinische Grundversorgung selbstverständlich ist, wird das ein erstauntes Kopfschütteln verursachen. Kurz vor Beginn der Reise nach Nepal nahm der Verein Africa – Luz Deutschland Kontakt zur KINDERHILFE NEPAL AUS BEILNGRIES auf. Sie unterhält in Kathmandu ein Kinderhaus. An den eineinhalb freien Tagen, die wir während des Aufenthalts hatten, statteten wir u. a. auch diesem einen Besuch ab. Alle 18 Kinder der Einrichtung wurden noch während unseres Aufenthaltes in der „Chhatrapati Free Clinic“ augenärztlich untersucht. Herr Mali, der Leiter des Krankenhauses, sagte zu, diesen Kindern jederzeit kostenlos auch bei anderen Krankheiten zu helfen. Wir nützten unsere wenigen freien Stunden außerdem zu einer Fahrt in die umliegenden Dörfer von Kathmandu. Dort schlug uns unbeschreibliche Not entgegen. Das tägliche Leben der Großfamilien spielt sich meist im Freien ab. Es gibt weder Strom- noch Wasserversorgung, keine halbwegs ordentlichen Straßen und kein Eisenbahnnetz. Das Wasser, das sich jetzt vor Beginn der Regenzeit bei plötzlichen Gewittern in Tümpeln sammelt – eine dreckige Brühe – dient sowohl für die Körper- als auch Kleiderwäsche. Ausgemergelte Kinder heben bettelnd die Hände. Wohlstandsbäuche gibt es hier nicht. Die Bevölkerung lebt von einem Tag auf den anderen. Man hofft, daß der Regen rechtzeitig einsetzt, damit die Ernte gedeiht und die Menschen nicht hungern müssen. Solche Eindrücke dürften auch hartgesottene Gemüter erweichen. Als wir am 22.04.2000 gegen 18.00 Uhr auf dem Flughafen München müde aber glücklich wieder deutschen Boden unter den Beinen fühlten, begann gleich der „Amtsschimmel“ kräftig zu wiehern. Ein junger Münchener Zollbeamter hatte wenig Verständnis dafür, daß wir unsere Operationsgeräte ohne Einfuhrzoll wieder mit zurück nach Deutschland nehmen wollten. Schuld an der Misere sei angeblich eine falsche Zolldeklaration des Zollamtes Amberg gewesen. Die Erledigung der Formalitäten dauerte 1,5 Stunden, bis unser Team ohne zusätzliche Kosten in Richtung Amberg aufbrechen konnte.

Leider mussten wir unzählge Menschen im Elend zurücklassen. um so mehr fühlen wir uns verpflichtet, weiterhin den Ärmsten der Armen – wo auch immer auf der Welt – zu helfen, selbst wenn es nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

Begegnung

Sie sieht mich an
Die greise Nepalesin.
Tiefe Furchen durchgraben ihr Gesicht –
Straßen des Lebens vom Schicksal geschrieben.

Sie trägt ihren besten Sari.
Runzelige Hände suchen – mich.
Trübe Linsen lesen in meinen Augen
wie in einem offenen Buch –
ich bereite sie vor – auf die Augenoperation.

Sie lächelt mich an.
Im Moment sieht sie nur mich
Eine Frau, die es gut mit ihr meint.
Sie möchte, dass ich bei ihr bin
während der Operation –
und danach –
bis sie mit der Rikscha nach Hause fährt.

Zum Abschied küsst sie mir die Fingerspitzen
die Frau aus Kathmandu.

Christine Gradl